Kritik: BELCEA QUARTET

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Foto: R. Knapp

Musik von acht Händen, perfekt verzahnt

Das Belcea Quartet spielt in traumhafter Einmütigkeit in Regensburg. An Ende steigert sich der Applaus zum Jubelsturm.

Von Gerhard Dietel, MZ


Regensburg. Das 1994 gegründete Belcea Quartet hat seinen Stammsitz wohl in Großbritannien, ist jedoch international besetzt: mit der namensgebenden Primgeigerin Corina Belcea aus Rumänien, dem polnischen Bratschisten Krzystof Chorzelski sowie Axel Schacher (zweite Violine) und Antoine Lederlin (Violoncello) aus Frankreich. Eine Art europäische Union im Kleinen bilden die vier, die jedoch im Gegensatz zur politischen mit traumhafter Einmütigkeit agiert.


Musizieren aus einem Guss erleben die Besucher beim Konzert des Regensburger Musikvereins im Vielberth-Gebäude der Uni. Es ist, als ob ein einziger Geist die acht Hände die Ensembles lenkt, wenn sich die Stimmen noch im schnellsten Wechsel der Details perfekt verzahnen und interpretatorisch gemeinsamen Kurs einschlagen.


Mit Joseph Haydns Streichquartett op. 77/1 eröffnet das Belcea Quartet den Abend und stellt im Kopfsatz eine wunderbare Einheit der Gegensätze her: zwischen auf Samtpfoten schreitenden Marschrhythmen, in die einige scharfe Akzente hineinfahren, und schmeichelnd-schmiegsamer Melodik. Wie flexibel die vier Musizierenden aufeinander zu reagieren vermögen, zeigt vor allem das eigentlich schon zum Scherzo mutierte "Presto": mit kleinen Stauungen und Wiederbeschleunigungen des Tempos erhält der Satz eine ungemeine Lebendigkeit, die sich auch im von Geistesfunken sprühenden Finale fortsetzt.


Manchmal eigenwillig, aber stets schlüssig


Erfreulich ist, dass danach eines der in Deutschland kaum zu hörenden Repertoirestücke des Ensembles erklingt: Benjamin Brittens kurz vor dessen Tod entstandenes, musikalisch mit seiner letzten Oper "Death in Venice" verwandtes Streichquartett Nr. 3. Nicht ganz leicht zu erfassen ist dieses (vielleicht von der homoerotischen Thematik der Oper beeinflusste?) Werk beim ersten Hören. Am greifbarsten wirken die beiden scherzoartigen Sätze "Ostinato" und "Burlesque" mit ihren ruppigen Wendungen und ihrer grellen Humorigkeit. Ansonsten ertönt in oft geringstimmigem Satz viel Enigmatisches, aus dem sich erst im breit ausströmenden Passacaglia-Finale phasenweise ein ganz offener E-Dur-Gesang erhebt, bevor diesen wieder Nebelschleier verhüllen.


Zum Höhepunkt wird Beethovens cis-Moll-Quartett op. 131, das (etwa in den rasanten Pizzicato-Ketten des "Presto") die ganze technische Perfektion des Belcea-Quartets bestaunen lässt. Eine manchmal eigenwillige, aber stets schlüssige Deutung der Partitur bieten die vier Musiker, bei der die Ausdruckscharaktere in permanentem Fluss sind: von der anfänglichen, unter dynamischer Innenspannung stehenden Fuge über den zentralen Variationensatz bis hin zum Final-Allegro, das mit immer neuen Überraschungen aufwartet.


Nach diesem Beethoven-Quartett verdichtet sich der von Stück zu Stück anwachsende Applaus des Musikvereinspublikums zum Jubelsturm, dem eine besänftigende Zugabe folgt: die zerbrechlichen Klänge des "Sehr langsam" aus Anton Weberns Opus 5.


(MZ-Online am 20.11.2015)  Text der Druckausgabe (PDF)

 

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