Kritik: dover quartet

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Foto: Koch

Ein besonderes Erlebnis für den Kopf

Das hochdekorierte Dover Quartet aus den USA gastierte beim Musikverein Regensburg: technische Brillanz mit kleinen Mängeln

Von Juan Martin Koch, MZ


Regensburg. Kaum eine Komponisten-Wiederentdeckung ist in den vergangenen Jahren so einhellig gefeiert worden wie diejenige Mieczyslaw Weinbergs (1919-1996). Lange Zeit war er als reiner Schostakowitsch-Adept verkannt. 2010 brachte die sensationelle szenische Uraufführung seiner Oper "Die Passagierin" in Bregenz zusammen mit einem umfangreichen Begleitprogramm die Wende.


Die Werkgruppe der Streichquartette legt den Vergleich mit seinem engen Freund Schostakowitsch besonders nahe, und dem Regensburger Musikverein ist es zu danken, dass man sich von der eigenständigen Qualität Weinbergs auf diesem Gebiet nun beim Konzert des Dover Quartet im Vielberth-Saal der Universität überzeugen konnte. Das einsätzige, dreigeteilte achte Quartett von 1959 präsentierten die amerikanischen Musiker mit größtmöglicher Sorgfalt und mit viel Gespür für die melodischen Fähigkeiten Weinbergs. Den introvertierten Charakter der zögerlichen Linienführung zu Beginn trafen sie ebenso präzise wie die verbissene Zuspitzung des Mittelteils. Ein starkes Plädoyer, das spürbar zum Publikum vordrang.


Zwiespältiger Eindruck bei Dvorak


Den Anfang hatte das hochdekorierte, seit 2008 bestehende Ensemble mit Dvoráks "Amerikanischem" Quartett gemacht. Schon hier war die überragende technische Qualität der Musiker zu bestaunen, wohingegen das klangliche Ergebnis einen zwiespältigen Eindruck hinterließ. Die Tongebung wirkte insbesondere bei Bryan Lee an der zweiten Geige und Camden Shaw am Cello etwas stumpf. Milena Pajaro-van de Stadts Viola und Joel Links erste Geige entfalteten ein reicheres Farbenspektrum, dem Ensembleklang fehlte es insgesamt aber an Resonanz in den Raum hinein. Shaws Pizzicati zu Beginn des langsamen Satzes boten kein ausreichendes Fundament, die Sätze drei und vier blieben außerdem rhythmisch etwas starr, kamen nicht recht ins Schwingen.


Nach der Pause dann emotionaler Ausnahmezustand mit Leos Janácek. Sein zweites Quartett bewegt sich immer wieder am Limit dessen, was an Ausdruckskontrasten möglich ist - ein Wechselbad der Gefühle. Leider hatte es sich das Dover Quartet zur Aufgabe gemacht, diese jähen Stimmungsumschwünge innerhalb der Sätze durch kleine Zäsuren gleichsam anzukündigen, statt sie - wie von Janácek vorgesehen - abrupt aneinanderzureihen. Das nahm seiner radikalen Expressivität einiges an Spannung. Auch mit manchen Tempo- und Dynamik-Angaben nahmen es die Musiker nicht so genau.


Respekt einflößend war aber auch hier die Qualität des Musizierens an sich. Diese Musik trotz des permanenten Überdrucks derart intonationssicher gespielt zu hören, war für sich genommen schon eine Ausnahmeerfahrung, allerdings eine eher intellektuelle denn emotionale. Das zugegebene Allegretto aus Mozarts F-Dur-Quartett KV 590 bot da willkommenes Gegengewicht.


(MZ-Online am 24.01.2016)   Text der Druckausgabe (PDF)

 

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