Kritik: quatuor Ebène

← zurück zur Übersicht

 





Boygroup der Klassik

KONZERT Das junge Streichquartett Quatuor Ebène lotete feinste Klangperlen aus.

Von Claudia Böckel, MZ


Regensburg. Henri Dutilleux und Franz Schubert: Auf den ersten Blick ist das eine eher ungewöhnliche Programmzusammenstellung. Dutilleux, 1916 1n Angers/Frankreich geboren, mit fast 100 Jahren vor drei Jahren in Paris gestorben, gilt in seinem Heimatland als der bedeutendste Gegenwartskomponist neben Messiaen und Boulez. Das junge französische Quatuor Ebène, die Boygroup der Klassik sozusagen, präsentierte beim Musikverein Regensburg Dutilleuix´ wichtigstes Kammermusikwerk, "Ainsi la Nuit" (etwa "Und die Nacht ...") für Streichquartett. Aus einem Dämmerzustand des Erinnerns heraus werden Elemente molekülartig und in allen Parametern vorgestellt, die sich in den folgenden Sätzen in einer Reihe von freien Studien zu Gestalten formen. Die Folge von sieben Stücken wird durch "Parenthèses" verbunden, Einschübe oder Gelenkstellen, die Erinnerung und Vorahnung verbinden. Dichte Beziehungsnetze entstehen, sehr schöne Kantilenen werden flankiert von Kleinteiligem, Linien oszillieren, Nervöses, Heftiges steht neben klangvollen Unisoni, Klangspitzen neben Rauem, bis alles in den Temps suspendu, der aufgehobenen Zeit, mündet.


Mit höchster Raffinesse lotete das Quatuor Ebène mit Pierre Colombet, Gabriele Le Magadure, Adrien Boisseau und Raphael Merlin die Wege und Nebenwege aus, stellte feinste Klangpartikel neben wildeste Ausbrüche, arbeitete Details heraus, verdichtete und löste wieder auf. Faszinierende Musik in aufregendster Interpretation. Dem Quartett voran gingen "Drei Strophen über den Namen SACHER" für Violoncello solo, gespielt vom assoziierten Cellisten Nicolas Altstaedt.


Dann Schuberts Streichquintett C-Dur, Meilenstein der Musikgeschichte, eines der ernstesten und bedeutendsten Werke in der Geschichte der Kammermusik, aus Schuberts letztem Lebensjahr 1828. Wie Dutilleux bei den "Parenthèses", so suchte das Quatuor Ebène hier Bindeglieder zwischen den beiden Programmhälften. Da begann der Schubert mit dem gleichen Impetus wie die Töne bei Dutilleux, explodierende Crescendi, stärkste dynamische Unterschiede, brutale Sforzato-Akkorde standen schroff neben sanften Kantilenen. Auch bei Schubert stehen dynamische Bezeichnungen von ppp bis fff. Das Quatuor Ebène nahm das zum Anlass, fast tonlose Passagen bis zu ohrenbetäubendem Streichorchestertutti zu steigern, Bartok-Pizzicati im Adagio einzubauen, das heißt die gezupften Cellosaiten aufs Griffbrett knallen zu lassen. Manchmal wollte man rufen: zu viel, zu viel. Raphael Merlin sagte: "Notre Schubert est un peu cru", unser Schubert ist ein wenig derb. Das ist er. Das Publikum im ausverkauften Neuhaussaal ließ sich trotzdem oder deshalb zu Begeisterungsstürmen hinreißen.


(MZ am 27.04.2016)  Text der Druckausgabe (PDF)   

 

← zurück zur Übersicht