Kritik: Bettina aust, robert aust

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Die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen

Junge Künstler gestalteten den Saison-Abschluss des Musikvereins.


Regensburg. In einem Zeitraum von nur 28 Jahren entstanden jene sechs Werke, die beim Saison-Abschlusskonzert des Regensburger Musikvereins erklingen; dennoch trennen sie stilistisch Welten. Von der romantischen Tonsprache des späten Johannes Brahms fhren sie zu Claude Debussy und in die frühe Moderne Alban Bergs sowie ber die Epochenzäsur des Ersten Weltkriegs zu Igor Strawinsky und Maurice Ravel. Darauf folgend spannt sich der Bogen zurck zu Brahms: mit dem Altersklassizismus der 1921 entstandenen Klarinettensonate des 86-jährigen französischen Pianisten Camille Saint-Saëns.


"Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen" - so könnte das Motto des Abends lauten. Zwei junge Künstler haben ihn inhaltlich konzipiert:- die Klarinettistin Bettina Aust und ihr Bruder, der Pianist Robert Aust. Die beiden bilden ein seit Langem aufeinander eingespieltes Duo, das bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde.


Äußerst sensibel nimmt sich dabei Robert Aust in die Begleitrolle zurück, wenn es gilt, dem Klarinettenton seiner Schwester Bühnenpräsenz zu verschaffen. Das fällt besonders bei Johannes Brahms' Sonate op. 120/1 auf, wo Robert Aust pianistisch nur dann stärker auftrumpft, wenn er das Feld allein behauptet.


Ein äußerst breites Ausdrucksspektrum entfaltet Bettina Aust bei ihrem Spiel. Ihre Klarinette kann einerseits schmeichelnd und dezent ertönen, jedoch in hohen Lagen geradezu trompetenhaften Glanz entwickeln. Hinzu kommen ein dunkel glühendes Melos im tiefen Register, das mehr als einen Schuss Sinnlichkeit verströmt, und dort, wo die gepflegte Sprache der traditionellen Kammermusik verlassen wird, auch eine gute Prise "hot intonation" mit Seitenblick zum Jazz. Dessen Nähe ist in Claude Debussys "Première Rhapsodie" zu spüren und, deutlicher noch, im letzten der drei Solostücke für Klarinette Igor Strawinskys.


Auch Robert Aust darf mit einer Solonummer zum Programm beitragen. In der Klavierfassung von Maurice Ravels "La Valse" lässt er gekonnt den Flügel zum vielstimmigen Orchester werden, das noch einmal den Glanz der untergegangenen Walzerwelt eines Johann Strauß heraufbeschwört und dann in hitziger Übersteigerung in die Selbstvernichtung treibt. Ebenso hintergründig und eindrücklich wirken die vier Stücke Alban Bergs für Klarinette und Klavier: kurze, entwicklungslose Psychogramme, Doppel-Monologe der beiden Instrumente. Das Publikum des Musikvereins genießt den inhaltlich spannenden wie abwechslungsreichen Konzertabend sichtlich und, am Applaus gemessen, hörbar. Dafür gibt es eine doppelte Verlängerung: mit fetzig gespielten Zugaben von Francis Poulenc und Darius Milhaud. (mdg)


(MZ 25.04.2017) Text der Druckausgabe (PDF)

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