Kritik: leonard elschenbroich, alexei grynyuk

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Musik wie von einem anderen Stern

Eine starke Dosis Beethoven: Elschenbroich und Grynyuk spielen in Regensburg sämtliche Cellosonaten des Meisters.

Von Juan Martin Koch, MZ


Regensburg. Ist eine Überdosis Beethoven gesundheitsgefährdend? Die Probe aufs Exempel konnte man zum Saisonstart beim Musikverein mit Leonard Elschenbroich machen. Mit seinem Klavierpartner Alexei Grynyuk spielte er sämtliche Cellosonaten jenes Komponisten, der diese Gattung als eigenständige Kunstform erst erfunden hat. Diesen Erfindungsmoment des Jahres 1796 quasi als Urknall eines Genres erfahrbar zu machen, das hatte sich Elschenbroich ganz offenkundig zur Aufgabe gemacht. Ohne historisierende Zurückhaltung kostete er von Beginn der Sonate Opus 5, Nr. 1 an sämtliche Klangmöglichkeiten des Cellos aus, trieb es von verhaltenen, vibratolosen Pianissimo-Passagen bis hin zu romantischem, die Akustik des Saales im Vielberth-Gebäude fast sprengenden Überschwang.


Wie unter einem Vergrößerungsglas wurde hörbar, was Beethoven mit dieser Sonate und dem nicht minder geistsprühenden Schwesterwerk gelungen ist: das Cello im eng verwobenen, immer neue Balanceverhältnisse erzeugenden Geflecht zum Protagonisten einer damals unerhörten Art von Kammermusik zu machen. Mit der Geläufigkeit eines Teufelsgeigers schüttelte er die Passagen des in aberwitzigem Tempo angegangenen Finalsatzes der g-Moll-Sonate aus dem Ärmel: Cellospiel wie von einem anderen Stern.


Ein hellwacher Mitgestalter: Alexei Grynyuk


Neben den ausladenden, die Künstlermähne in steter Bewegung haltenden Gesten und den wie aus weiter Ferne Inspiration einsaugenden Blicken Elschenbroichs, wirkte Alexei Grynyuk ein wenig wie ein lichtscheuer Computer-Nerd. In den beiden frühen Sonaten konnte der eher trockene Witz, mit dem er den Klavierpart abschmeckte, der Cellobrandung nicht immer standhalten. Im weiteren Verlauf des Abends erwies er sich aber als ebenbürtiger, hellwacher Mitgestalter. Entsprechend hinreißend geriet die in ihrem melodischen Erfindungsreichtum und ihrer souveränen Formgestaltung Maßstab setzende mittlere Sonate op. 69. Das mottoartig eröffnende erste Thema ließ Elschenbroich wie aus dem Augenblick heraus entstehen, in der Durchführung des Kopfsatzes zog er mit geräuschhaft aufgerautem Passagenwerk alle Aufmerksamkeit auf sich. Die synkopischen Widerhaken des Scherzo hämmerte Grynyuk unerbittlich in den Raum, das Trio war von Brahms'scher Wärme durchflutet.


Die finale Fuge: Ein Manifest der Freiheit


Spätestens nach dem brillant hingefegten Finalsatz war eine Grundsättigung in Sachen Beethoven eigentlich erreicht und im Laufe der beiden sperrigen, das Spätwerk einläutenden Sonaten op. 102 war höchste Konzentration geboten, um dem weiterhin subtilen, nuancenreichen Spiel des Duos folgen zu können. In diesen Zustand allmählicher Überforderung setzten Elschenbroich und Grynyuk dann aber in unnachahmlicher Weise das Adagio aus der D-Dur Sonate.


Der schlichte, nach innen gerichtete Gesang bündelte noch einmal die Essenz von Beethovens Gestaltungskunst, um schließlich Platz zu machen für die finale Fuge, ein in Formstrenge gekleidetes Manifest der Freiheit. Überdosis? Alles eine Frage der Darreichungsform.

(MZ-Online am 26.09.2016) Text der Druckausgabe (PDF)

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